Raschid al-Daïf

(Libanon)

Autorenporträt, Biographie / Veröffentlichungen

Freitag, 3.10.97, 20 Uhr
Zeitungscafé in der Stadtbibliothek
Eingang Peter-Vischer-Str., Nürnberg

Sonntag, 5.10.97, 10 Uhr
Forum 5, Redoutensaal
Theaterplatz, Erlangen

 

Krieg und Erinnerung

"Lieber Herr Kawabâta:

Ich bin Maronit. Das heißt, ich bin in eine maronitische Familie hineingeboren und in einem maronitischen Milieu aufgewachsen. Ich liebe Ziegenmilch und die altehrwürdigen Bäume in den Bergen: Zedern, Pinien und Eichen. ...

Die Ziege beispielsweise ist das Tier der schwer zugänglichen Berge, und in solchen bin ich geboren und aufgewachsen. Und die uralten Bäume, die schon lange Stürmen, Regen und Schnee trotzen, sind ein Sieg, wenn auch nur ein vorläufiger, über die Zeit. Sie haben zweifellos von jenen Zedern gehört, die Tausende von Jahren alt sind."

Der Erzähler in Raschid al-Daïfs Roman (1995) berichtet von seinem Leben im Libanon, vom Land und seiner Geschichte im 20. Jahrhundert. Nur hier gibt es die christliche Kirche der Maroniten. Zedern sind Nationalsymbol und an entlegenen Gebirgshängen im Norden wachsen sie noch heute in den Himmel.

Nirgendwo sonst hat der Nahostkonflikt schlimmer gewütet: ungezählte Massaker, Beirut in Schutt und Asche, mehr als 15 Jahre Krieg und Bürgerkrieg. Seit Anfang der 90er schwelt die Glut. Das Blut fließt weiter (nur für die TV-Schirme der Welt ist es nicht genug) - auch al-Daïfs Erzähler verschwindet am Ende aus seinem Bericht als Opfer dieser Zeit.

Zuvor wendet er sich das ganze Buch hindurch an einen Herrn Kawabâta. Seine Stimme verlangt Aufmerksamkeit, drängend, flehend fast: "Also, ich trage einen Schmerz mit mir herum, der ein paar Meter, ein paar Meilen oder ein paar Generationen zurückliegt". Und im Kreisen der Erinnerungen kehrt das Motiv aller Äußerungen wieder: "Ort und Zeit meines Schmerzes zu erfahren".

Ein Mann von 50 Jahren erzählt hier. Wie der Autor könnte er im Jahr 1945 zur Welt gekommen sein, in einem Bergdorf im Nordlibanon und dort aufgewachsen. Seine besondere Fähigkeit ist die "Kraft der Erinnerung". Er kann "Augenblick für Augenblick zurückholen, als stünde ich vor einem Buch, in dem ich nach Belieben blättere".

Herrn Kawabâta kommt hunderterlei zu Ohren: wie Mütter einst zum Geldverdienen nach Amerika gingen, ganz allein, um viele Jahre später mit den Dollars für die Familie eine armselige Zukunft zu sichern; wie Sputnik-Bilder aus dem All erst allmählich die Vorstellung von der Erde als Scheibe erschütterten; wie die Metropole Beirut im Lauf der Zeit ihre Anziehung auf die Jugend ausübte; wie der Libanon nach Ende des französischen Mandats 1946 von den Bewohnern langsam als Einheit gesehen wird, wie nationale Hoffnungen wachsen und zugleich politisch-religiöse Spannungen - eine Fülle kurzer Geschichten, die einen Bogen persönlicher wie libanesischer Geschichte beschreiben.

Diese Geschichten erzählen immer wieder auch den Zweifel und das Verzweifeln: an dem, was Zeit strukturiert; an denen, die Historie machen; an der Willkür, wie Überlieferung festgeschrieben wird.

Der Erzähler nennt sein unbestechliches Gedächtnis eine "Gnade der Natur". Tatsächlich ist es aus einer großen Not geboren: aus seiner Not mit den Menschen. Auf nichts als sein Gedächtnis kann der Erzähler vertrauen. Und wie sich zeigt, vertraut er sich damit auch niemandem an: Sein Partner, Herr Kawabâta, ist eine Person außerhalb von Raum und Zeit, ein Schriftsteller, der zu einer völlig anderen Kultur gehört. Ein Zuhörer, der nichts erwidern kann - längst schon ist er tot (der gleichnamige japanische Literatur-Nobelpreisträger von 1968 beging 1972 Selbstmord).

Raschid al-Daïf hat das Protokoll eines Bewußtseins geschrieben, das geborsten ist. Es hat seine Einheit eingebüßt im eigenen Land, unter den eigenen Leuten. Ob Muslime oder Christen, ob Sunniten, Schiiten, Maroniten, Palästinenser oder Drusen - jede Gruppe ist Kampfeinheit für ihre Wahrheit.

In al-Daïfs Sicht des Libanon gibt es heute keine verbindliche, bindende Historie. Mythen ringen hier um verklärte Vergangenheit, um falsche Erwartungen an die Zukunft. Der Krieg hat auch die kollektive Erinnerung zerstört. Das eigene Erleben bleibt die einzige Instanz für Wahrhaftigkeit - doch politisch ist sie wirkungslos. Das Kranke ist gesund, das normal erinnernde Subjekt ungewöhnlich - und "das Ungewöhnliche weckt Argwohn".

Einen Auszug von "Lieber Herr Kawabâta" bietet die INTERLIT-Anthologie "Andere Länder - andere Zeiten". Hartmut Fähndrich, Übersetzer des Textes aus dem Arabischen, findet "im Roman eine ungeheure Intensität, ein Drängen", das wie "Beichtsprache" klingt. In der libanesischen Literatur bezieht Raschid al-Daïf, so Fähndrich weiter, eine Ausnahmestellung im "Krieg um die Erinnerung". Sein Versuch, das "Geschehene einzugestehen und zu begreifen" verweigert sich jeder weltanschaulichen Vereinnahmung. Charakteristisch für die Misere ist die "Bedeutungslosigkeit des einzelnen" - al-Daïfs Erinnerungsbuch setzt sich zur Wehr.

Raschid al-Daïf ist für den deutschen Sprachraum noch zu entdecken. Ende der 70er hat er im Libanon erste Gedichte und Aphorismen veröffentlicht, es folgten sechs Romane und ein Band mit unterschiedlichen Texten. Sie reflektieren äußere und innere Verwüstungen durch den Krieg und die individuellen Mühen, damit fertigzuwerden. al-Daïf selbst hat die Zerstörung am eigenen Leib erfahren, als er von Granatsplittern getroffen wurde.

Anerkennung erfährt al-Daïf länger schon in Frankreich: Neben einer Auswahl seiner Poesie erschien 1992 der Roman "Passage au Crépuscule" (Original 1986), "Raum zwischen Schläfrigkeit und Schlaf" könnte der Titel auf deutsch heißen. Er erzählt vom Zwielicht der Albträume, von den "Angstvisionen eines Mannes inmitten des kriegsgeschüttelten Beirut" (H. Fähndrich).

 

Lebenslauf

Raschid al-Daïf, 1945 geboren und aufgewachsen in einem Dorf im Norden des Libanon. Studium der arabischen Literatur in Beirut und Paris; blieb während des Bürgerkriegs im Land, in den 80ern durch eine Granate verwundet. Seit Jahren ist er Dozent für arabische Literatur an der Libanesischen Universität in Beirut.

Veröffentlichungen

Ende der 70er erste Gedichte und Aphorismen, seit 1980 sechs Romane und ein Band mit gemischten Texten. Übersetzungen ins Französische (ein Roman, eine Auswahl der Gedichte) und erstmals ins Deutsche für die INTERLIT-Anthologie "Andere Länder - andere Zeiten".

Deutsch:

"Lieber Herr Kawabâta" (Romanauszug, Original 1995), Übers. Hartmut Fähndrich, in: "Andere Länder - andere Zeiten" (Anthologie), Hg. Interlit e.V., Marino Verlag, München 1997.

Arabisch, alle publiziert in Beirut/Libanon (großteils im Verlag Dar Mukhtarat):

"Azizi s-Sayyid Kawâbâtâ" (Roman), 1995; "Ayyu talg yasqutu bi-salâm", 1993; "Ghaflat at-turâb" (Roman), 1991; "Tiqaniyat al-bu's" (Roman), 1989; "Ahl az-zill" (Roman), 1987; "Fusha mustahdafa bayna al-nu 'as wa al-nawm" (Roman), 1986; "al-Mustabidd" (Roman), 1983; "Lâ sar'a yafûqu l-wasf" (Aphorismen und Gedichte), 1980; "Hîna halla s-saif calâ s-saif" (Gedichte), 1979.

Französisch:

"Passage au Crépuscule" (Roman - Original 1986), Actes sud, Arles 1992; "L'été au tranchant de l'épée" (ausgewählte Gedichte und Aphorismen), Le Sycomore, Paris 1979.